Predigt 13.9.26 24. Sonntag LJ A

Pakt der Barmherzigkeit

Liebe Schwestern und Brüder,

die Evangelientexte vom letzten Sonntag und von heute sind in der Bibel überschrieben mit „Gemeinderegel“. Das 18. Kapitel im Matthäusevangelium ist davon geprägt, dass der Evangelist für seine Gemeinde manches klarstellen und regeln muss und möchte. Wenn Sie dieses Kapitel jetzt vor sich hätten, würde ziemlich genau im Zentrum stehen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das beschreibt das innere Geheimnis von christlicher Gemeinde zu sein, dass sich Menschen im Glauben und in der Gegenwart des Herrn sammeln und verbunden wissen.

Voraus geht: Was tun, wenn ein Bruder sündigt? Die Schwestern sind da mitgemeint. Danach: Wie oft muss ich vergeben? Das ist sehr realitätsnah: Wo Menschen eng zusammenkommen, sich verbunden wissen, wirklich Gemeinde sein wollen, da bringt jede und jeder sein Dunkel mit, seine Kanten, das Unerlöste, das in uns schlummert, und das wird immer auch zur Zumutung für die anderen. Und wie ist damit umzugehen?

Es gibt einen tiefen Unterschied zwischen Freundschaft und Gemeinde. Es gibt dieses schöne Wort: Freunde sucht man, Schwestern und Brüder bekommt man. Das unterscheidet uns als christliche Gemeinde immer von Freundeskreisen. Wenn es sie gibt, ist es ja wunderbar. Aber wir sind mehr wie eine Freundesgemeinschaft. Wir sind Menschen, die beieinander sind, weil sie sich auf Gott hin verbunden wissen, an Gott glauben, sich Gott anvertrauen, von Gott etwas erwarten. Das führt uns zusammen, verbunden in ihm. Und da stellt sich die Frage: Wie geht das Miteinander dort, wo Menschen zusammen sind, nicht, weil sie sich mögen, weil sie uns so sympathisch sind, sondern weil ER die Mitte ist?

Ich mag das Wort vom „Pakt der Barmherzigkeit“, den es in jeder Gemeinde braucht. Im Grunde ist das die Zusage, die wir einander schenken, dass wir bereit sind, dass jede und jeder mit dem, was ihn ausmacht, eben auch mit der dunklen und kantigen Seite, dabei sein darf, dazugehört und da sein darf. In einem Paulusbrief heißt es: „Ertragt einander in Liebe.“ Da ist es für mich nochmal ausgedrückt, dass es diese Bereitschaft braucht, den und die anderen mitzutragen, manchmal auszuhalten, sich immer neu wieder auf sie einzustellen. Um dieses „In seinen Namen versammelt“ braucht es den Pakt der Barmherzigkeit.

Was trägt den Pakt? Der erste Impuls wird sein: Guter Vorsatz. Das wissen Sie, die halten immer so lange, bis man sie braucht.

In diesem Gleichnis wird etwas anderes uns ins Herz gesprochen. Dieses Erbarmen, das wir einander schenken, lebt eigentlich aus der Erfahrung, dass wir alle aus dem Erbarmen leben.

Dieser Knecht, dem alles geschenkt ist, das sind ja wir. Immer dann, wenn ich damit in Berührung bin, was mir geschenkt ist, öffnet sich das Herz auch, das den anderen weiterzugeben und das Erbarmen fließen zu lassen. Dass ich leben darf, wenn mir das als Geschenk bewusst ist, kann ich auch andere leben lassen. Wenn ich innerlich spüre, dass ich angenommen bin, und zwar nicht als der, der ich so gerne wäre, sondern als die und als der, der ich bin, so wie das Leben mich geformt hat, auch mit den Dingen, die ungut sind in mir, die Heilung brauchen, dann entsteht der Raum, das anderen auch zu schenken und denen auch ein Angenommensein zu geben, mit ihrem Unheil, mit dem, was in ihnen noch Erlösung sucht. Das nährt dieses gegenseitige Erbarmen und trägt es.

Einen „Pakt der Barmherzigkeit“ schenken. Ich lade uns ein, darüber neu einzuschwenken und den auf dem gemeinsamen Gemeindesein und gemeinsamen Unterwegssein immer neu zu schenken. Amen.    

Engelbert Birkle