Arbeiter im Weinberg
Am Abend stellen sich die Arbeiter des Weinbergs auf und sortieren sich nach Arbeitseinsatz. Hier die, die, den ganzen Tag gearbeitet haben. Dort, die in der 11. Stunde gekommen sind , und dazwischen die anderen.
Wenn wir das jetzt machen würden, dass wir uns aufstellen und jede und jeder klären müsste: Wo ist denn mein Platz? Bin ich bei denen die ganze Zeit dabei waren? Oder gehör ich zu denen die am Schluss noch dazugekommen sind? Ich vermute, die allermeisten von uns haben das Gefühl, ich bin schon ein Leben lang dabei, versuche den Weg des Glaubens zu gehen in diesem Verbundensein und ausgerichtet sein auf Gott hin zu leben. Ganz vorne, da mögen andere sein, aber so das vordere Drittel, da ist doch der Platz wo ich hingehöre.
Bevor wir uns dahinstellen, kommen mir ein paar Fragen, die das Ganze nochmals hinterfragen wollen.
Hab` ich schon angefangen?
Am 3. Oktober werden es 800 Jahre, dass Franz von Assisi gestorben ist. In der Lebensbeschreibung wird erzählt, dass er wenige Tage vor seinem Tod die Brüder zusammenholt und diesen Satz sagt: „Brüder, lasst uns endlich beginnen, wir haben noch nicht einmal angefangen.“ Franz von Assisi war wahrlich ein Radikaler und durfte im Grunde auch erleben, wie sein Impuls in kurzer Zeit eine geistliche Bewegung auslöst, die weit über Italien hinausweist. Der sagt „Brüder lasst uns endlich beginnen, wir haben noch nicht einmal angefangen.“
Das ruft in mir auch immer die Frage auf: Habe ich schon angefangen? Ist das, was ich tue, so, wie ich es verstehe, habe ich diese Schwelle schon überschritten?
Arbeite ich im Weinberg des Herrn?
Wir haben das Gefühl, dass wir im Weinberg arbeiten, an der Sache Gottes dran sind. Die Frage, heißt: „Geht es mir wirklich um seine Früchte oder um meine? Das scheint etwas zu sein, was nicht selbstverständlich ist. Was ist mein innerer Impuls? Will ich, dass das Reich Gottes wächst, oder will ich was für mich, dass ich wachse, dass ich größer rauskomme? Worum dreht sich mein Arbeiten? Bin ich Dienerin, Arbeiter, Arbeiterin im Weinberg des Herrn und in meiner Welt.
Bin ich als Freund im Weinberg?
Und das dritte, was für mich in diesem Gleichnis zum Schwingen kommt, ist das Gefühl: Ich bin Arbeiterin, ich bin Arbeiter. Vielleicht wird’s noch schärfer, Knecht, Tagelöhner. Der, der sich beschwert, wird angesprochen mit „Freund“. Was ist mein Selbstverständnis? Bin ich so ein Tagelöhner, eine Tagelöhnerin, die sich so halt durchschleppt und ihr Ding macht, oder habe ich etwas von diesem würdevollen Blick gespürt, dass der Gutsherr, Gott, der da im Hintergrund steht, mich als Freundin, als Freund sieht.
Diese Fragen können einen nach hinten durchreichen, dass man merkt, vielleicht ist auch bei mir noch eigentlich Luft nach oben.
Dann ist es wichtig zu schauen, was da hinten passiert. Es gibt einen Denar! Es gibt alles, dort erwartet mich die volle Güte des Herrn. Ihn interessiert im Grunde gar nicht, ob ich schon angefangen habe, oder wie sehr ich drin bin. Er sieht mich, er sieht diese Leute der 11. Stunde und gibt ihnen die volle Güte.
Das ist der eigentliche Clou. Jede, jeder von uns soll die volle Güte erhalten, ist in seinem Blick einfach hundertprozentig Teil des Ganzen.
Wir dürfen heut uns erinnern lassen, wo immer ich mich da jetzt einsortiert hätte, es gibt diesen einen Denar seiner ganzen Güte und ich darf ihn nehmen. Amen
Engelbert Birkle