Der Kaiser oder Gott?
Jesus wird gefordert, seinen Platz einzunehmen und seine Position zu klären. Das tut er sehr raffiniert. Alle, die durch die Jahrhunderte hinter ihm gehen, sich auf seiner Spur wissen, müssen auch klären, wie sie es damit halten. Was gehört dem Kaiser und was gehört Gott? Was ist unser Platz in der Welt, in der Gesellschaft, und wie verbindet sich das mit unserem Ruf, in der Spur Jesu zu gehen?
Manchmal wird uns dieser Platz auch von außen zugewiesen. In diesem Jahr ist immer wieder ein Wort von Julia Klöckner aufgewallt. Die Präsidentin des Deutschen Bundestages, die Nummer zwei im Land, hat in einem Interview die Kirchen angemahnt, sie sollen sich nicht so ins Tagesgeschäft der Politik einmischen, sondern mehr bei den geistlichen, spirituellen Dingen bleiben. Ein Satz bringt es schön zum Ausdruck von ihr, da heißt es: „Klar kann sich die Kirche auch zu Tempo 130 äußern, aber dafür zahle ich jetzt nicht unbedingt Kirchensteuer.“
Recht hat sie.
Unser Auftrag ist, Gott zu geben, was Gott gehört. Wer soll es denn machen, wenn nicht wir? Wir sind Menschen, die die Gnade haben, glauben zu können, die in ihrem Leben etwas von Gott wahrnehmen, suchen, damit auf dem Weg sind. Und wer in dieser Gesellschaft, soll nicht die Fahne Gottes hochhalten, wenn es nicht wir Christen sind? Wenn das nicht Kirche tut: an Gott erinnern, Gott zur Sprache bringen, Gott ins Leben einzubringen, auch an entscheidenden Stellen einzufordern?
Hier kann ich allerdings nicht Amen sagen. Wir glauben nämlich an einen Gott, dem die Welt nicht gleichgültig ist. Es gibt das Wort: „Wer in Gott eintaucht, taucht beim Menschen auf.“ Die jüdisch-christliche Tradition erzählt und glaubt an einen Gott, der sich mit dieser Welt verbunden hat, dem die Not der Armen, das Unrecht dieser Welt nicht gleichgültig ist. Ich habe die Klage meines Volkes in Ägypten gehört. Das ist eine Urerfahrung. Da ist ein Gott, der die Not der Gefangenen sieht und Wege der Freiheit öffnen mag. Deswegen sind wir, weil wir für Gott stehen, gefordert, diese Haltung einzunehmen.
Im Anschluss an das letzte Konzil hat sich vor allen Dingen in Lateinamerika ein starkes Bewusstsein entwickelt, für den Auftrag der Kirche solidarisch zu sein mit denen, die arm sind, die Unrecht erfahren. Die Kirche dort spricht von der Option für die Armen. Das ist ein klarer politischer Auftrag. Und viele weltweit schauen nach Lateinamerika und haben dort gelernt, dass es natürlich ein Urauftrag von Kirche ist: solidarisch zu sein mit denen, die Unrecht erfahren. Im Lauf der Jahrzehnte weitet sich das Bewusstsein, dass Kirche Optionen zu treffen hat. Die Option für die Jugend ist inzwischen auch im Blick. Bei den Fragen, wenn verhandelt wird, wie es mit den Gesellschaften weitergeht, hat die Kirche auf der Seite derer zu stehen, die noch kommen, und nicht derer, die jetzt gerade die Fäden in der Hand haben. Wir spüren, wie sehr Kirche gefordert ist, die Option für die Schöpfung hochzuhalten. Und im letzten Jahrzehnt haben Kirchen es langsam gelernt, auch die Option für die Opfer zu leben. Das Leid derer, die auch in der Kirche Unrecht erfahren haben, nicht zu überhören, dahin zu schauen und sich deren Not zeigen zu lassen. Das sind sehr politische Bewegungen. Weil wir Gott geben, was Gott gehört, sind wir an entscheidenden gesellschaftlichen Fragen und an entscheidenden politischen Herausforderungen beteiligt.
Wo Julia Klöckner Recht hat, ist, dass die Sachkompetenz oft andere haben. Hilfreich ist, zu entscheiden zwischen Verhalten und Haltungen. Wie es konkret geht, wissen oft andere wirklich besser. Man sollte denen, die die Ahnung haben, nicht in die Parade fahren und meinen, wir wüssten, wie einzelne Dinge konkret gestalten sind. Aber was Christen und Gott verbundene Menschen einzubringen haben, sind Haltungen und Erinnerungen an Haltungen: Den Wert des Menschen, den Wert aller Menschen. Da haben die deutschen Bischöfe für mich auch ein gutes und klares Zeichen gesetzt, in der ganzen Dynamik, wo es politisch langgeht. Die Bewegung, die inzwischen stark ist: „Deutschland den Deutschen“, ein Nationalismus, der in unserem Land und in vielen Ländern sich breit macht: „Make America Great Again“, an der Stelle klar zu sagen, dass Menschen, die von Gott Jesu Christi herkommen, nicht völkisch denken können und schon gar nicht handeln. „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar.“ Eine die klare politische Haltung, die unsere Bischöfe zum Ausdruck gebracht haben, ausnahmsweise sogar einstimmig, und die aus unserer Sicht für den Weg unseres Landes hochnotwendig und auch hochpolitisch ist. Gott oder / und der Kaiser? Gerade auch, weil wir Gott geben, was Gott gehört, können wir den Kaiser nicht allein das Feld überlassen. Amen.
Engelbert Birkle