Was ist das Wichtigste?
Jede und jeder von uns im Leben wird diese Frage sicher immer neu stellen und eine Spur suchen. Heute gehen viele damit in Buchhandlungen und finden sich vor Regalwänden von Lebensberatungen wieder. Wer das Lesen nicht mehr pflegt, der geht ins Internet. Auf Instagram und TikTok wimmelt es von Influencern, die wissen. Was das Wichtigste ist, die klare Ansagen haben, wie das Leben geht. In diesem großen Chor steht auch Jesus und der braucht nur ein paar Worte: „Du sollst Gott lieben und den Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das ist das Wichtigste und Entscheidende.
Geübte Kirchenohren hören an der Stelle „Kenn ich“ und lehnen sich zurück. Was meint denn Jesus genau? Was heißt „den Nächsten lieben“? Wenn Jesus das sagt in seiner Welt, im biblischen Ton. Wir hören nämlich sofort: Wir sollen gute Gefühle haben. Für uns Menschen der Moderne ist das Wort „Liebe“ sehr mit dem Wort „Gefühl“ verbunden. Du sollst für deinen Nächsten gute Gefühle haben, hören wir, und spüren sofort, das geht nicht und sind schon raus aus der Nummer. Gefühle sind offen, Gefühle kommen und gehen.
Liebe im biblischen Sinn meint, mehr Verantwortung haben. Vielleicht wäre das bessere Wort „Solidarität“. Du sollst wissen, dass du in Verantwortung stehst für deinen Nächsten, ob du gute Gefühle hast oder schlechte, du bleibst in Verantwortung.
Das wird heut kommentiert mit einer Stelle aus dem Buch Exodus und da ist die Anfrage ja sehr klar: Einen Fremden sollst du nicht ausnützen. Fremden gegenüber hat man nicht immer gute Gefühle, sie verunsichern, stellen infrage. Das entbindet uns aber nicht von der Liebe im biblischen Sinn, das wir wissen, wir sind, ich bin in Verantwortung für diese Welt. Ihr sollt keine Waise und Witwe ausnutzen. Waisen und Witwen stehen für alle Menschen, die in Lebensnot sind. Auch da wallen nicht gleich Liebesgefühle auf, wenn wir so jemanden sehen. Aber Nächstenliebe meint auch nicht, dass wir ein gutes Gefühl haben, sondern dass wir uns von der Not rufen lassen und auf die Not antworten.
Du sollst Gott lieben, das ist im Grunde ähnlich. Wer hat schon immer Liebesgefühle, wer das Wort „Gott“ hört? Wenn sie da sind, ist es wunderbar, aber Gott lieben meint auch eine Schicht tiefer, anerkennen, dass ich mein Leben verdanke, dass ich es empfangen habe, dass ich Teil einer göttlichen Ordnung bin. Wenn ich Gott liebe, trete ich in dieses Bewusstsein ein und versuche, mein Leben so zu gestalten, dass es dem entspricht. Auch das ist etwas, was tiefer geht, mehr trägt, wie jedes Gefühl. Gott anerkennen als den Größeren, der mich umfängt, aus dem ich komme, und mit dem ich Zukunft habe.
Und was wir meistens überhören, ist das kleine „und“. Wenn man sagt, du sollst Gott lieben und den Nächsten lieben, zerfallen wir wahrscheinlich. Die einen denken, jawohl, Nächstenliebe ist wichtig, die anderen halten das Fähnchen hoch, Gottesliebe ist wichtig, und Jesus erinnert uns, dass es um dieses „und“ geht. Dass Gottes- und Nächstenliebe für ihn und im biblischen Sinn nicht trennbar sind, wirklich die zwei Seiten derselben Medaille. Den Nächsten lieben, in Verantwortung sich nehmen lassen für die Menschen, die mir im Blick sind, und treu dort zu bleiben, kann nur, wer auch diese göttliche Kraft empfängt. Unser menschliches Tun kommt da schnell ans Ende. Durchtragen braucht göttlichen Segen und göttliches Wirken. Die Nächstenliebe führt unausweichlich zu Gott.
Wer sagt, Gott sei wichtig und Gott müsse man lieben, der wird in kurzer Zeit fragen, wie sich das denn zeigt, und wird auf die Nächsten und Menschen hin verwiesen. Eins lebt vom andern und eins empfängt sich vom andern. Gottes- und Nächstenliebe sind wie zwei Seiten und drum ist dieses „und“ so wichtig.
Was ist das Wichtigste? Es gibt viele Antworten, die Antwort unseres Herrn heißt: „Du sollst Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst.“
Amen.
Engelbert Birkle