unter ihnen lebt auch ihr...
Liebe Schwestern und Brüder,
am vergangenen Mittwoch wars hier im Raum spannend. Wir konnten zum ersten Mal Bilder zeigen, wie eine künftige Kirche aussehen könnte. Das Ergebnis des Ideenwettbewerbs zur neuen Kirche wurde hier vorgestellt.
Mit den Fragen, die der Neubau stellt, wird mir auch sehr bewusst, was sich in den letzten siebzig Jahren verändert hat. Als man vor siebzig Jahren sich dafür engagiert hat, dass eine Kirche entsteht, war doch das Gefühl: Wir brauchen ein Haus für alle. Ja, es gab die evangelische Gemeinde, aber ansonsten war das Gefühl in den fünfziger, Anfang der sechziger Jahre: Alle sind katholisch, alle gehören zu uns, und wenn wir bauen, muss es für alle werden.
Heut sind wir an einem ganz anderen Punkt. Wir spüren, wir brauchen eine Kirche für uns. Natürlich offen für alle, aber niemand denkt mehr: „Wie bekommen wir alle Kauferinger in unserer Kirche unter?“ Sondern wir schauen: Wer ist da, wer ist miteinander auf dem Weg des Christseins, wer versteht sich als Teil der Gemeinde? Und von da aus denken wir: Wie kann's für uns gut weitergehen? Wie schaut ein Raum für uns aus, wie schaut eine Kirche für uns aus? Die Art, wie wir Kirche und Gemeinde sind, hat sich verändert.
Wir kommen wieder mehr da an, was ganz am Anfang der Christenheit selbstverständlich war .Diesen Ton hören wir heut im Römerbrief: Paulus schreibt der kleinen Gemeinschaft, die sich in der Stadt Rom gesammelt hat: „Unter ihnen, unter den anderen, die in der Stadt leben, lebt auch ihr.“ Das ist wichtig, dass wir in diese Haltung eintreten und dass wir uns klarer bewusst sind, heute geht Christsein so: „Unter ihnen lebt auch ihr!“
Wir sind in einer Gesellschaft mit verschiedensten Weltdeutungen, mit verschiedenen Glaubensausrichtungen, und die Herausforderung ist, klar zu bekommen, wer wir sind und was unser Weg ist, und das ganz schlicht: unter ihnen zu leben.
Wenn wir an der Schwelle zur Weihnachtsfeier stehen, dann ist das etwas, dessen wir uns sehr bewusst sein müssen In den kommenden Tagen finden aus meiner Sicht zwei Feste statt, die den gleichen Namen haben, aber ganz unterschiedliche Inhalte betonen. Es gibt das Weihnachten, das fast alle feiern. Es wirkt in die ganze Gesellschaft hinein, ja oft über die christliche Gemeinschaft hinaus. Inzwischen wird da auch gar nicht mehr von Weihnachten gesprochen, sondern ganz schlicht von „das Fest“. Sie müssen zum Beispiel nur die Werbeflyer der Discounter genau anschauen. Dieses Fest ist alles andere als belanglos. Im gemeinsamen Feiern wird viel geklärt und in den Blick genommen: Wer gehört zu uns, wen lädt man ganz konkret ein, wer bekommt einen Gruß und wer bekommt keinen? Das haben wir vielleicht in den letzten Tagen alle nebenbei entschieden. Damit organisiert dieses Fest, dass sich Beziehungen klären. Wir haben gerade die längsten Nächte des Jahres. Ich glaube, dass auch in dieser Woche gefeiert wird: Mit wem geh ich durch die dunklen Zeiten des Lebens? Wer sind diese Menschen? Das hat zunächst mit christlichen Weihnachten noch gar nichts zu tun, aber es ist natürlich hochbedeutsam, kraftvoll, wichtig und alles andere als zu verteufeln. Im Grunde ist es wunderbar, dass sich so ein Ritual in der Gesellschaft entwickelt hat.
Mitten unter diesem gesellschaftlichen – Weihnachten sind wir eingeladen, unser christliches Weihnachten zu feiern. „Unter ihnen lebt auch ihr!“ In diesem gesellschaftlichen Weihnachten müsst ihr Wege suchen, wie ihr euer christliches Weihnachten zeigt und gestaltet. Paulus benennt es im Römerbrief in seiner jüdisch geprägten Sprache, dass wir glauben, dass dieser ewige Sohn Gottes, in Jesus, dem Fleisch nach geboren als Nachkomme Davids, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht. Das sind gewaltige Glaubensformulierungen. Wir feiern, dass Jesus Christus für uns Maßstab ist, dass wir glauben, dass in ihm etwas vom ewigen Gott menschlich aufleuchtet und uns meint und dass in ihm etwas geschieht, was unser ganzes Leben anzieht und aufnimmt und auch wirken darf. Darum nennen wir ihn unseren Erlöser.
Es ist gut, dass in dieser kleinen Szene des Römerbriefes auch Paulus formuliert, was das für unser Leben eigentlich bedeutet. Diese Glaubenssätze übersetzt er in: „Ihr seid von Jesus Christus berufen, ihr seid von Gott geliebt und Gnade und Friede ist mit euch.“ Das ist das christliche Weihnachten, dass wir dankbar sind, dass jede und jeder von uns auf seine Art eine Berufung in sich trägt, den Geist Jesu konkret zu leben. Dass wir von Jesus Christus her glauben, dass jede und jeder von uns, so wie Sie jetzt dasitzen und mit allem, was Sie an Lebensgeschichte mit sich tragen, von Gott geliebt ist – von Gott geliebt. Ich mit meinem, auch mit dem, was ich eigentlich da wegschneiden möchte. Jede und jeder von Gott geliebt, welch große Zusage, und dass wir vertrauen dürfen, dass Gottes Gnade, Gottes Frieden uns immer erwartet. Das sind entschiedene Glaubensaussagen, das ist Weihnachten als Fest des Glaubens, dass wir unter den andern den Blick behalten, leben dürfen, auch als Geschenk, das wir erfahren haben.
Christ sein heißt, heute leben, unter ihnen als Teil der Gesellschaft, als ein möglicher Weg, der uns trägt. Ich glaube, dass Weihnachten damit echt eine gute Übungszeit ist. Ich lade uns ein, dass wir miteinander die nächsten Tage wirklich als Fest unseres Glaubens feiern und dass wir uns stärken lassen: Ich bin berufen, ich bin geliebt und darf aus Gnade leben. Amen.
Engelbert Birkle