... wo wir Christus in uns aufnehmen, geschieht etwas, was uns verwandelt, was uns in diese ursprüngliche Ordnung zurückführt.
Liebe Schwestern und Brüder,
als das Kind in der Krippe lag, war die Welt in Ordnung. In der Heiligen Nacht habe ich dieses Wort aufgegriffen, diese für mich berührende Kindererfahrung: Das Kind, das zappelt und nervös ist auf den Heiligen Abend, und spürt, wenn das Kind in der Krippe liegt, das Christkind da ist, dann ist irgendwie die Welt in Ordnung. Das hat über diese Kindererfahrung hinaus große Bedeutung. Wo Jesus ankommt, da ordnet sich die Welt.
Der Text, mit dem der Johannesevangelist seine Botschaft eröffnet, der sogenannte Johannesprolog, beschreibt genau, wo diese Krippe steht. Es geht nicht um die Futterkrippe in Bethlehem, sondern um unser Herz. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden. Das ist die gleiche Botschaft. Dort, wo wir Christus in uns aufnehmen, geschieht etwas, was uns verwandelt, was uns zu Kindern Gottes macht, was uns in diese ursprüngliche Ordnung zurückführt.
„Kind Gottes“ meint ja nicht, dass wir so klein, unbeholfen, hilfsbedürftig sind, sondern „Kind Gottes“ meint, dass wir in unsere ursprüngliche Würde zurückkehren.
Man muss „am Anfang“ mithören, das erinnert an das Buch Genesis. Hier wird beschrieben, wie Gott die Welt und den Menschen erschafft, und bei Menschen heißt es ja: „Als sein Abbild schuf er sie, Mann und Frau, männlich und weiblich.“ Die Schöpfungsbotschaft weiß, dass wir so gedacht sind, dass wir ein Bild Gottes sind, und wenn wir Kinder Gottes werden, strahlt dieses ursprünglich gemeinte göttliche Bild durch uns auf. Das kann nichts anderes sein, als dass wir in diese letztlich gute, befriedete, heile Ordnung zurückkehren. Die ihn aufnehmen, werden Kinder Gottes sein!
Es steht nun irgendwie im Raum, wie Aufnehmen geht. Das Bild ist ja, dass wir oft das Gefühl haben, dass Gott irgendwie weg ist und er von irgendwoher zu uns kommt.
Es ist wie mit den Flüchtlingen. Wenn es darum geht, dass wir Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, aufnehmen, dann heißt es ja eigentlich: „Die sind oft schon da.“ Die leben irgendwo unter uns und es braucht diesen Prozess, dass wir mit diesen Menschen Kontakt aufnehmen, sie spüren lassen, dass sie zu uns gehören, dass es ein Hin und Her gibt, dass sie, wir sagen modern, integriert werden. So ist es auch mit Gott, der ist immer schon da, in jedem Menschen. Immer sind wir schon angelegt, dass dieses göttliche Bild durch uns aufstrahlt. Ihn aufnehmen heißt, in Verbindung kommen, Raum gewähren, Gott mehr und mehr integriert sein lassen in alles, was mich ausmacht, meinen Leib, meinen Geist, meine Seele, alles mehr mit ihm in Verbindung bringen. Diese Urverbindung wieder aufnehmen, sich wandeln lassen, Schritt um Schritt. Das ist eine lebenslange Geschichte, dass Gott mehr und mehr in uns lebendig wird und uns ordnet und durch uns herum auch die Welt ordnet.
Alfred Delp, der Jesuit, den die Nazis kurz vor Kriegsende noch hingerichtet haben, saß Weihnachten 1944 schon in der Todeszelle und hat dort ungeheure Texte verfasst. In einem geht er dieser Frage nach, wie ein Mensch ist, der mit Gott wieder in Verbindung kommt, und er lenkt den Blick auf zwei Dinge:
Zum einen schreibt er: „Dieser Mensch wird den ewigen Glanz der Dinge wieder spüren. Vor ihnen mit Ehrfurcht und Behutsamkeit stehen.“
Spüren Sie, wie dieses Ordnen bis in die Dinge hinein gehen mag. Wie gedankenlos gehen wir oft mit Dingen um und wie gedankenlos ist eine gottvergessene Menschheit mit ihrer Schöpfung. Menschen, die in diese göttliche Ordnung zurückkommen, werden den ewigen Glanz der Dinge wieder spüren und vor ihnen mit Ehrfurcht und Behutsamkeit stehen.
Und das andere, was Delp in den Blick nimmt: „Und dieser Mensch wird ein Mensch der großen Freude sein!“ Wo Gott uns wandelt, werden wir eine tiefe menschliche Freude mehr und mehr spüren, mehr und mehr in uns zulassen können, auch diesen inneren Glanz spüren.
Wenn das Kind in der Krippe liegt, ist alles in Ordnung. Die Spur, die der Evangelist Johannes legt, heißt: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ Da kann man nicht am Weihnachtstag einen Haken setzen, das ist etwas, was uns ein Leben lang begleitet. Amen.
Engelbert Birkle