Taufe des Herrn - in der Chrstusikone entdecken
In Epfenhausen, Teil unsrer Pfarreiengemeinschaft, sind seit vielen Jahren Sonntag für Sonntag Christen der rumänisch-orthodoxen Kirche anwesend und feiern dort ihre Gottesdienste. Deshalb finden Sie dort auch eine große Christus-Ikone. Im Motiv dieser Ikone leuchtet auf, was in der Taufe des Herrn erzählt wird.
Ikonen haben in der Regel einen goldenen Grund. Sie sind normalerweise auf vergoldetem Holz gestaltet. Dieser goldene Grund will die gelesen sein, als Versuch, dem Geheimnis Gottes gerecht zu werden. In der Orthodoxie weiß man noch mehr als in der westlichen Tradition, dass das Bilderverbot gilt: „Du sollst dir von Gott kein Bild machen.“ Alles, was wir von Gott malen, und alles, was wir über ihn sagen, ist zu klein und zu eng. In der Kunst wird versucht mit Gold das Licht selbst darzustellen. Im Glanz des Goldes strahlt etwas von dem auf, der das Lichtselbst ist. Das heißt, wenn ich vor einer Ikone stehe, begegne ich zunächst dem Wissen, dass Gott unfassbar ist, unbegreiflich und in keine unserer menschlichen Schubladen passt.
Auf der Ikone in Epfenhausen ist dann Jesus gemalt. In ihm tritt uns, wenn man so will, Gott entgegen. Im Johannesevangelium heißt es: „Vom Herzen des Vaters hat er Kunde gebracht.“ Aus dem unfassbaren Geheimnis erscheint in Jesus Gottes Antlitz. In ihm leuchtet auf, wer Gott ist, wie er ist, was er uns als Menschen zuspricht.
Jesus ist auf der Epfenhauser Ikone als Lehrer gemalt. Er sitzt auf einem Stuhl, Kathedra, der Lehrstuhl, und er macht die Geste des Lehrers. In der anderen Hand ein Buch, Botschaft des Wortes. In seinem Wort will er uns erreichen. Jesus erscheint als Lehrer. Das ist gerade in diesem Lesejahr bedeutsam: Wir hören Sonntag für Sonntag Texte aus dem Matthäus-Evangelium. Im Matthäus-Evangelium muss man immer mit im Hinterkopf haben, dass für den Evangelisten Matthäus Jesus der neue Mose ist. Die Flucht nach Ägypten wird deswegen erzählt, weil Matthäus diesen Satz braucht: „Aus Ägypten rief er seinen Sohn“. So wie Mose aus Ägypten kommend das Volk führt und am Berg Sinai die Weisungen Gottes empfängt und dem Volk weitergibt, ist Jesus der neue Moses, der die Weisung Gottes neu aufnimmt und neu in sein Volk hineinstellt. In den nächsten Wochen werden dann auch viele Texte aus der Bergpredigt uns begleiten. Dann werden wir konkret dem lehrenden Jesus, der vor uns sitzt und seine Weisung uns zuspricht, begegnen. Jesus als der, in dem die Weisung Gottes uns entgegenkommt und der natürlich erwartet, dass wir Hörende sind. Schülerinnen und Schüler, bereit, in seine Weisungen in unserem Leben neu einzutreten.
Ein Detail an dieser Ikone ist, dass sie für unser Empfinden die falsche Perspektive hat. Das Holz, auf dem die Füße Jesu ruhen, wird nach hinten breiter. Unser Kunstverständnis wäre, dass es enger wird. Das heißt, die Perspektive liegt irgendwo hinten im Bild. Ikonen werden nach vorne schmal, das heißt, der Fluchtpunkt der Perspektive bin ich, der vor der Ikone steht. Ikonen sind keine Bilder, die man anschaut, sondern sind Bilder, die dich anschauen. In dieser Jesusikone begegnet uns sein Blick: ein Gott, der nach mir schaut. Wir haben heute ein Stück aus Genesis gehört: Hagar, die Sklavin des Abrahams und Sarai, ist die erste Frau, die, wenn man die Bibel von vorne liest, Gott einen Namen zuweist. Und der heißt „El-Roi“, ein Gott, der nach mir schaut. Ich finde das etwas Wunderbares, dass ich durch Ikonen diesem Gott, der nach mir schaut, begegnen darf.
Was ist sein Blick jetzt auf mich? Tröstend? Fordernd? Immer ist es ein Blick, der mich mehr versteht als ich mich selbst. Durch diesen Blick will die Zusage lebendig werden: „Du bist geliebte Tochter, geliebter Sohn“.
Eine Ikone, wie viele Ikonen, erinnert uns an das, was im Fest der Taufe des Herrn aufleuchtet: Es ist immer ein unfassbarer, verborgener Gott, an den wir glauben. Aber in Jesus Christus tritt er uns entgegen, tritt er aus seinem Geheimnis heraus, wird menschlich greifbar und fassbar und zeigt sich als der, der nach uns schaut, der Ausschau hält nach uns und in dem uns diese Zusage, geliebter Sohn, geliebte Tochter, immer neu begegnet. Amen.