Predigt 18.1.26 2. Sonntag LJ A

Einheit der Christen – in einer zerrissenen Welt

Die dritte Woche im Januar ist mit der Einladung verbunden, für die Einheit der Christenheit zu beten. Am kommenden Mittwoch wird es hier auch im Thomas-Moros-Haus stattfinden, zusammen mit der evangelischen Gemeinde, unseren Nachbarn und auch dem neuen Pfarrer Heiko Timm, der dabei sein wird. Ich darf Sie einfach darauf hinweisen und auch dazu einladen, dass wir dieses Gebet um Einheit zu unserem gemeinsamen Anliegen machen.

Wenn wir das in diesen Zeiten tun, dann gilt: „Zieh den Kreis nicht zu eng.“ Es geht wahrlich nicht nur um die Einheit der Christen. Im Grunde schwingt bei der Sorge um Einheit die ganze Welt mit. Nach dem Weltkrieg ist die Vision entstanden, dass es unter den Vereinten Nationen einen friedlichen Weg der Völker gibt. Wir erleben gerade, wie diese große Einheitsvision für eine Weltgemeinschaft zerbröselt und zerfleddert. Die Älteren erinnern, wie die Sitzverteilung des deutschen Bundestags in den 70er Jahren ausgesehen hat. Da gab es nur drei Farben: Gelb, Rot, Schwarz. Wenn man heute schaut, ist die ganze Farbpalette vor einem. Wir spüren, wie das unser Land stresst, dass die Dinge auseinanderfallen, dass es viele Gruppen mit unterschiedlichsten Anliegen gibt und dass es schwer ist, manchmal unmöglich wird, einen gemeinsamen Weg noch auszuhandeln und zu finden. Unser Land braucht und bräuchte eine Kraft der Einheit.
Und wenn man genau hinschaut, läuft es bis in jedes einzelne Herz hinein. Viele Menschen spüren eine innere Zerrissenheit. Vor ein paar Jahren ist ein Buch entstanden, dessen Titel ich einfach nett finde: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Das erleben viele Menschen: Im Beruf muss ich so sein, im Verein soll ich der sein, in der Familie soll ich der sein und wer ich selber bin, das weiß ich einfach nicht. Einheit ist immer auch eine Frage, die im Grunde jeden einzelnen Menschen trifft und der er sich stellen muss. Insofern greift eine Gebetswoche um Einheit an den Nerv der Welt und an den Nerv unserer Zeit.

An der Stelle darf ich kurz das Gewand vorstellen, das ich heute trage, und ein paar Sätze dazu sagen: In Weilheim war genau vor vierhundert Jahren eine Phase, in der die Weilheimer ihre alte, marode Kirche abgebrochen und supermodern gebaut haben. Abgebrochen haben sie die gotische Kirche, supermodern war damals der Barock. In Weilheim steht eine der ersten barocken Kirchen nördlich der Alpen. Meine Frage dort war irgendwann: Wie schaut denn in dieser barocken Kirche ein Messgewand aus, das wieder supermodern ist, das sich der Kunstsprache des 21. Jahrhunderts verpflichtet weiß? Mit einer anerkannten Textilkünstlerin, Else Bechteler-Moses, - vor zwei Jahren leider verstorben - ist dieses Gewand entstanden. Sie hat die barocke Kirche auf sich wirken alssen und bringt dann als Entwurf das, was sie jetzt mit mir vor sich sehen: Eine Art Seelenlandschaft, viele Flächen, irgendwie was Zersplittertes. Ich habe dieses Gewand so gedeutet, dass sie spürt, dass wir heute, wenn wir uns als Gemeinde versammeln, immer dieses zersplitterte, unfertige, nicht mehr klare, was uns eigentlich verbindet, in uns tragen und dass das mit dem Messgewand im Raum da sein muss. Wenn man genau hinschaut, ahnt man dann doch, dass es zusammengehört. Mit der nötigen Fantasie kann man vielleicht sogar so etwas wie eine Christusgestalt hinter all diesen Flächen erfahren oder sehen wollen.

Damit ist für mich auch nochmal in Erinnerung gebracht, wo wir Kraft für Einheit sehen: Wir glauben, dass es in dieser Welt mit der Verheißung Jesu Christi eine Kraft gibt, die einend wirkt und der wir uns betend anvertrauen. Wir dürfen hoffen, dass sie in diese Welt immer neu eine Dynamik der Versöhnung und der Einheit hineinträgt. Unterstreichen mag ich das mit diesem kleinen Stück, das wir heute als Lesung gehört haben. Der Korintherbrief wird uns in den nächsten Wochen immer neu begleiten. Heute ist der Briefkopf vorgelesen worden. Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth, einen zerstrittenen Haufen. Das wird in den nächsten Sonntagen auch so zu hören sein. Jeder ist anders unterwegs und findet was anderes wichtig. Paulus argumentiert schon im Briefkopf, dass er an die einende Kraft erinnert und sie formuliert: An die Kirche Gottes in Korinth. Im griechischen Text steht „ekklesia“, die Zusammengerufenenheit Gottes in Korinth. Da ist einer ist, der Menschen zusammenruft und auf einen geeinten Weg ziehen mag. „Die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen.“ Menschen, die im Verbundensein mit Gott, im Vertrauen auf das Wirken Jesu Christi, spüren, dass da etwas Größeres ist, was alles zusammenbindet, was gespalten ist und getrennt. Das ist christliche Hoffnung auf Einheit und das ist immer neu der Beitrag, den die Christenheit auch dieser Welt zu schenken hat. Den unbrechbaren Glaube, dass Einheit und die Kraft der Einheit stärker sind als alle Spalter und deren Spalten.

Wir sind eingeladen, in dieser Woche, nicht nur um Einheit zu beten, sondern auch diese Fahne der Einheit, das Vertrauen auf die einende Kraft Gottes, hochzuhalten, ihr zu glauben und unser Leben ihr auch anzuvertrauen. Amen.