Predigt 25.1.26 3. Sonntag LJ A

Sonntag des Wortes Gottes - Hinter dem Vorhang der Vorbehalte

Eine Initiative vom Papst Franziskus wirkt nach. Er hat angeregt und eingeführt, dass der dritte Sonntag in der grünen Zeit als Sonntag des Wortes Gottes zu begehen sei. Hinter solch einer Initiative steht natürlich eine Wahrnehmung. Weltweit hat es das Wort Gottes in den katholischen Gemeinden nicht so leicht. Deswegen braucht es so einen päpstlichen Impuls und eine päpstliche Erinnerung. Einmal im Jahr soll bewusst der Blick auf das Hören und Wahrnehmen des Wortes Gottes gerichtet werden.

 Es gibt wohl viele Widerstände gegen die biblischen Texte und somit ist es manchmal eben nicht leicht, sich darauf einzulassen und das Wort Gottes wirklich aufzunehmen.

Diese alten Geschichten, alle biblischen Texte sind mindestens zweitausend Jahre alt, manche reichen in den Ursprüngen noch viel weiter zurück, dreitausend, über dreitausend Jahre. Was soll das alte Zeug für uns, melden sich in manchen. Besonders wenn man das Alte Testament aufschlägt ist oft Krieg im Hintergrund, Mord, dunkle Geschichten. Was sollen denn diese Geschichten? Wer genau hinhört, ist manchmal befremdet, welche Gottesbilder durchscheinen. Wir sind heute empfindlich auch auf Rollenbilder, die Menschen zugewiesen werden. Frauenbilder, die wahrlich nicht mehr in unser Zeitempfinden passen, und passend dazu immer das Männerbild. Manche Sätze, die man einfach nicht versteht. Weil man sich vielleicht nur im Hintergrund erkennen kann. Da hör ich zu und denk mir, ich schalt auf Durchzug.

Das Schicksal kann nicht nur die Bibel treffen, ich habe heut noch ein Buch oder einen Ordner dabei. Mein Vater war als zwanzigjähriger junger Mann mit dabei, als die Wehrmacht Richtung Moskau marschiert ist. Er hat erzählt, dass er die Vororte von Moskau noch gesehen hat, und er hat natürlich Briefe nach Hause geschrieben: Feldpost. Diese Feldpost ist in unserer Familie erhalten und in diesem Ordner gesammelt. Und all das, was ich von der Bibel gesagt habe, gilt für diesen Ordner auch. Alte Geschichten, Gott sei Dank achtzig Jahre zurück, diese grausige Zeit. Manche Sätze in Sütterlin geschrieben, sind gar nicht mehr entschlüsselbar und manche auch nicht zu verstehen, weil man den Zusammenhang nicht mehr kennt. Einige Sätze, die mein Vater schreibt, sind, wie wir heut sagen, zum fremdschämen, weil man merkt, wie dieser junge Mann auch von der Nazi-Propaganda aufgeladen war und das, was er gehört hat, halt auch in die Briefe hineinschreibt.
Ich würde diesen Ordner nicht hergeben. Die Briefe sind ein sehr direkter Zugang zu meinem Vater. Mehr wie manches Foto, mehr wie manche Erinnerung. Wenn ich diese Texte lese, spür ich etwas, was ihn ausgemacht hat, wie er als junger Mann war. Spür dann auch, wie er sich entwickelt und weiter gereift ist. Diese Briefe sind ein unmittelbarer Zugang für mich, mit ihm in Beziehung zu kommen. Hinter all dem, was er schreibt, scheint er selber auf.

Das ist genau der Zugang, den auch die biblischen Texte brauchen.

Das Wort Gottes wird nur kraftvoll lebendig, wenn wir hinter den Vorhang der Vorbehalte von alter Geschichte, fremden Dingen, wenn wir da dahinter blicken. Die biblischen Texte bringen uns dann in Beziehung mit dem himmlischen Vater. Sie sind eine Einladung, jenseits der Oberfläche mit Gott unmittelbar in Beziehung zu kommen, in Verbindung zu bleiben und zu spüren, wie er ist. So kann man das Wort Gottes als Quelle des Lebens, Quelle des Glaubens entdecken.

Die Texte, die wir heute gehört haben, wollen so verstanden sein. Man muss nicht wissen, wo Sebulon und Naftali liegen, aber man hört doch mit, dass es ums letzte Eck geht. Dahinter will gehört sein: Das ist ein Gott, der sich für die letzten Ecken noch interessiert, der auch in die letzte Ecke meines Lebens hineinwirken mag. Der vielleicht dort auftaucht, wo ich selber gar nicht mehr hin mag. Dort im Reich des Todesschattens leuchtet er mit seinem Licht.

Es wird erzählt, wie Jesus diese Jünger beruft: bei der Arbeit! Das könnte Sie meinen bei Ihrem Arbeiten: vor dem Computer, an der Werkbank. Die Arbeit, die ich tue ist ein Ort, wo er ins Leben treten will, wo er mir helfen will, meine eigene Berufung zu finden und zu leben. Jesus tritt in die Synagogen und begegnet den Menschen. Unsere Versammlungen sind ein Ort seiner Gegenwart.

Durch die Geschichten hindurch muss man irgendwie spüren: Die Art, wie er ist, das, was von ihm aufklingt, meint mich hier und jetzt. Und dann werden biblische Texte wirklich zu einem lebendigen Ort Gottes und begleiten uns auf unserem Weg. Sie sprechen hinein in das je eigene Leben und können dort eine Quelle von Mut, von Orientierung und von Hoffnung sein. Die Einladung ist, dass wir immer neu als Gemeinde durch diesen Vorhang der Vorbehalte hindurchschreiten und dann aus dieser Quelle schöpfen.

Amen. 

 

Engelbert Birkle