Predigt 1.2.26 4. Sonntag LJ A

Mitten im Alltag von Nazareth geschehen die Seligpreisungen

Die Seligpreisungen gehören zum Edelsten, was uns im Glauben geschenkt ist. Wir hören sie oft wie eine edle Gabe, die aus dem Himmel uns entgegenkommt. Vor lauter Seligkeit spürt man manchmal nicht, dass die Seligpreisungen ins Leben hineingehören. Wo Jesus die Seligpreisungen her hat, wissen wir natürlich nicht. Ich finde den Gedanken reizend, dass aus den 30 Jahren, in denen er offensichtlich ganz normal in Nazareth mitgelebt hat, aus dieser Alltagswelt von Nazareth die Seligpreisungen langsam herausgewachsen sind. Ich habe kleine Szenen erfunden, die uns vielleicht ein Gespür entwickeln können, dass die Seligpreisungen etwas sehr Alltägliches und Lebensnahes in sich bergen.

Ich sehe einen Jugendlichen, mag er 16 Jahre alt sein. Zu einer höheren Schule hat es nicht gereicht. Wie die anderen hört er, was in der Synagoge gesprochen wird, und darauf lässt er sich ein. Er hört, dass Gott auf die Kleinen und Armen sieht. Das macht ihm Mut, seine eigene Armut sich einzugestehen. Er überspielt seine Grenzen nicht und er muss nicht den Coolen geben. Er spürt Angst in seinem Herzen, er kennt Unsicherheit. Je mehr er sich eingesteht, wie er ist, umso mehr fühlt er, dass in seinem Inneren eine Quelle ist, aus der alles kommt, was er braucht. Später wird er sagen: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“

Da ist in Nazareth ein Kind: Es hat gerade sein Lieblingstier begraben – einen Hasen. Und da sind Eltern, die dieses Kind bestärken, zu trauern. Das Kind entdeckt, dass der Trost nicht nach der Trauer kommt, sondern in der Trauer liegt. Ich werde getröstet, wenn ich im Schmerz bin. Später wird dieses Kind sagen: „Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“

Da ist ein vielleicht 18-jähriger Mann. Mich wundert der Frieden, der auf seinem Gesicht liegt. Scheinbar hat er alles, was er braucht. Erst wenn ich ihn länger beobachte, fällt auf, dass er sich anders bewegt als die anderen. Er hat nicht die Haltung des Jägers, der das noch möchte und dem noch nachhetzt. Er nimmt und genießt und ist zufrieden mit dem, was das Leben schenkt. Später wird er sagen: „Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.

Im Nachbarort von Nazareth ist eine größere Baustelle. Ein junger Mann aus Nazareth und sein Vater haben sich dort als Hilfsarbeiter anwerben lassen. Es ist, wie auf allen Baustellen der Welt. Da gibt es Gewinner und Verlierer. Da gibt es die Starken und die Schwachen, die Schlauen und die Dummen. Der junge Mann nimmt diese Ungerechtigkeit ganz in sich auf. Je mehr er am Unrecht Anteil nimmt, umso mehr spürt er die Kraft, sein Leben für eine heile und gerechtere Welt zu schenken. Später wird er sagen: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; sie werden satt werden.“

 

Und da ist schließlich ein herangewachsener Mann, mag er knapp 30 sein. Es ist eigenartig mit ihm. Seine Gegenwart verändert die Art, wie Menschen miteinander umgehen. Wenn er am Dorfbrunnen nach der Arbeit mit dabeisitzt, wird anders gesprochen. Von ihm geht ein Frieden aus, der Kreise zieht. Irgendwie spürt man bei ihm, dass er mit Gott in Verbindung ist. Manche rufen ihn – mit spöttischem Unterton – das „Gotteskind“. Später wird er sagen: „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Töchter, werden Söhne Gottes genannt werden.“

 

Mitten im Alltag von Nazareth geschehen die Seligpreisungen, mitten im Alltag dieser neuen Woche werden sie auch geschehen, das Umfeld wird es merken und es ist noch besser, wenn sie durch uns hindurch geschehen würden. Amen.

 

Engelbert Birkle