... wie unser Glaube Stärkung findet
Wir sind auf dem Weg des Glaubens. Die kleine Variante ist die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern, als Wochen, in denen sich auch der innere Glauben erneuern mag. Die große Variante ist das Leben selbst, das wir aus der Kraft des Glaubens gestalten wollen und dürfen. Wir brauchen auf diesem Weg, im Kleinen und im Großen, Nahrung. Ein biblisches Bild, wie der Glaube Nahrung findet, ist die Erfahrung, die die Jünger auf dem Berg der Verklärung, dem sogenannten Berg Tabor, machen. Mit diesem Geschehen werden auch wir erinnert, wie unser Glaube Stärkung findet.
Sieger Köder, der malende Pfarrer, hat diese Szene gemalt: den Berg, die Jünger, die auf dem Berg sind, alles ganz dunkel gehalten. Auf seinem Bild gibt es dann einen scharfen Strich und über diesem Strich Licht, Jesus, Mose und der Elia, die in Fülle strahlen. Das ist die ganze Wirklichkeit. So erleben wir unser Leben, dass wir in unserm Dunkel sind. Vielleicht denken wir, dass es dieses Licht gibt, aber wir erfahren uns oft davon getrennt. Der scharfe Strich ist im Leben oft sehr klar spürbar. Für manche so sehr, dass sie sich von dem Vertrauen, dass Gott da ist, auch innerlich verabschieden. Insofern ist es im Grunde immer eine große Gnade, wenn diese Trennung sich auflöst.
Da gibt es auch die zwei Formen, wie Menschen das erfahren. Die eine ist, dass es aufgebrochen wird. Sie kennen vielleicht aus dem eigenen Leben Menschen, die davon erzählen, die sagen können: „Damals ist das geschehen. Da ist mir aufgegangen, dass Gott in meinem Leben da ist.“ Aufbrechen tun diese Dinge oft durch einen großen Schmerz, der ein Leben zerschneidet, aber auch ein großes Glück. Seine Liebe zu finden, kann Menschen öffnen, dass sie spüren, dass da ja viel Größeres in meinem Leben ist, als ich je geahnt habe.
Das ist etwas ganz Großes. Mancher denkt sich jetzt: „Hätte ich auch gern, dass mal alles aufbricht und ich dieses Gotteslicht sehen darf.“
Darum ist es wichtig, sich auch die zweite Variante bewusst zu machen: Diese Trennlinie kann auch wie eine Membran immer dünner werden und dieses göttliche Licht strahlt ununterbrochen ins Leben, oft so, dass man es gar nicht im Bewusstsein wahrnimmt. Man merkt im Lauf der Jahre: Gott wird mir ganz leise immer gewisser. Es ist vielleicht dieses Unbewusste, was Sie Sonntag für Sonntag aufbrechen lässt. Dass Sie, ohne es festmachen zu können, diese innere Gewissheit spüren: Gott ist da in meinem Leben, ich bin mit ihm auf dem Weg und bleibe diesem stillen Dasein treu verbunden und gehe deswegen Schritt für Schritt weiter. So nährt sich unser Glaube.
Auf dem Berg der Verklärung wird dann erzählt, was diese Nahrung mit uns tut: Sie sorgt für Klarheit! Verklärung ist eine schöne deutsche Übersetzung. Dort, wo Menschen vom göttlichen Licht berührt werden, klären sich die Dinge.
Für die Jünger und für uns klärt sich, wer Jesus ist. Manchmal sieht man ihn ja als den 13. Jünger, vielleicht den Klassensprecher unter dieser Truppe, aber auf dem Berg der Verklärung geht den Jüngern auf: Er ist der göttliche Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Er ist der letzte Bezugspunkt unseres Lebens, auf den hin wir eingeladen sind, uns immer neu auszurichten.
Und es klärt sich, wo der Glaube gestärkt wird, auch wer ich selbst bin. Für viele Menschen in unserer Zeit ist es eine große Frage, in diesem Bad der Möglichkeiten: Wer bin ich denn da und was ist mein Auftrag und was ist der Sinn meines Daseins?
Da gibt es ein Phänomen, das mich sehr berührt: Im letzten Jahr, an Ostern 2025, sind in Frankreich 17.000 Jugendliche und junge Erwachsene getauft worden. In Deutschland waren es etwas über 2000. Es gibt in diesem säkularisierten Land Frankreich eine eigenartige Bewegung . Das Spannende ist wer sich da meldet und getauft werden will. Die jungen Leute kommen nicht und sagen: „Ich such so eine Gemeinschaft wie Kirche“, sondern die kommen und sagen: „Ich ahne, dass in dieser Verbindung mit Jesus sich klärt, wer ich bin.“ Es geht um die Identität des Lebens. Ein Bischof hat das sehr schön gesagt: Wir stehen jetzt seit Jahren an der Tür und überlegen, wie die jungen Leute zur Kirche kommen, und erleben nun, wie sie über die Fenster einsteigen. Manche Profis sagen, das ist der Silberstrahl am Horizont der kirchlichen Entwicklung. Dort, wo Glaube gelehrt wird, finden Menschen klarer zu ihrer Lebensberufung.
Und dann ist auf dem Berg der Verklärung natürlich die Versuchung, den Liegestuhl herauszuholen. Das haben in den letzten Tagen sicher viele von Ihnen gemacht, wenn das Licht so schön ist wie in diesen Frühlingstagen. Endlich kann man sich in die Sonne setzen und sagen: „Super.“ Doch Jesus fasst die Jünger an und sagt: „Steht auf, nicht hinsetzen, fürchtet euch nicht, steigt hinab.“ Auch das gehört zum Glauben, der genährt ist, dass wir Kraft finden zum Hinabsteigen um an der Stelle, wo ich bin, meine Verantwortung zu übernehmen, mich ins Leben einzubringen, meinen Dienst zu tun. Steh auf, fürchte dich nicht, steig hinab, das ist das innere Ziel des Glaubens.
Auf dem Weg des Glaubens brauchen wir Nahrung, die Gott selbst für uns ist, wie immer er sich schenkt, und das wird uns helfen, ihn und uns selber besser zu verstehen, um Kraft zu finden und Segen zu sein, dort, wo ich bin. Amen.
Engelbert Birkle