Predigt 8.3.26 3. Fastensonntag LJ A

Verschüttete Quellen

Es gibt den Seelendurst in uns. Es gibt das Wissen, dass es eine Quelle gibt, aus der strömt, was uns leben lässt. Es gibt aber auch den Zustand der Verschüttung. Die Quelle in uns ist verschüttet. Das kennen Sie von den Quellen in der Landschaft, dass eine Quelle da ist, auf der aber Kies oder wer weiß, was alles draufgelegt ist. Es gibt keinen Zugang mehr dazu.

Die inneren Verschüttungen, die Menschen erfahren, die werden uns mit der Samariterin in den Blick gebracht. Sie steht typisch für Erfahrungen, die Menschen machen, die das Innere lähmen und verschütten.

„Fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht deiner.“ Jesus greift voll in die Wunde. Im Kontext der damaligen Zeit waren Frauen nur rechtsfähig mit einem Mann, waren sozial nur abgesichert, wenn es einen Mann gab: den Ehemann, den Vater, einen Bruder. Allein waren sie rechtlos und oft auch wirklich dem sozialen Tod ausgeliefert.

Beim Weltgebetstag der Frauen wurde erzählt, dass es heute in Nigeria immer noch so ist. Als Witwe ist eine Frau sozial am Ende. Für viele andere Länder gilt das  auch. Mit der Erinnerung an die fünf Männer wird ins Bild gebracht, was Menschen an den Rand der Existenz führt, was uns bis ins Innerste bedrängt: soziale Not, Beziehungskrisen, Tod. Das viele, was über Menschen hereinbricht. Manchmal legt sich das wie Schotter auf die innere Quelle und lähmt die Lebendigkeit.

Die Frau kommt zur sechsten Stunde, das ist mehr als eine Zeitangabe. Im Orient ist zur sechsten Stunde niemand draußen. Vierzig Grad im Schatten und mehr, da bleiben alle im Schatten. Wenn diese Frau sich zur Mittagszeit aufmacht, um da Wasser zu schöpfen, dann ist klar: Sie will keinen treffen. Das erinnert an die Lebenssituationen, wo ich mit mir nicht mehr zurechtkomme, wo ich mich verkriechen mag.

Dann gibt es dieses eigenartige Wechselgespräch zum Gebet. Da hör ich, dass in dieser Frau auch der Glaube durcheinandergeraten ist. Dieser Satz, der auch uns manchmal über die Lippen kommt: „Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll“, das sind auch Erfahrungen, die uns von der inneren Freiheit und Lebendigkeit abtrennen.

Es geschieht etwas. Ich finde schön erzählt, die Frau geht weg und lässt den Wasserkrug stehen. Es ist etwas passiert, was sie ihren äußeren Durst vergessen lässt. Sie, die zur Mittagszeit geht, damit sie niemand sieht, steht plötzlich in der Dorfgemeinschaft und sagt: „Ist dieser vielleicht der Christus? Sie trommelt die Leute zusammen. Das heißt, sie kann wieder in Beziehung und in Kontakt mit den anderen sein. Das ist auch ein Zeichen von Lebendigkeit und von innerer Quelle, die aufgebrochen ist. Und sie sagt den Leuten: „Ist er vielleicht der Christus? Da hat der Glaube zumindest wieder eine innere Richtung. 

Was ist da passiert? Sie trifft am Brunnen auf Jesus und was geschieht bei ihm? Das erste ist, dass Jesus ganz sanft ihre Sehnsucht weckt: „Hättest du mich gefragt, ich hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Er erinnert sie ganz still daran, dass diese Quelle der Lebendigkeit da ist und es erwacht diese Sehnsucht nach dem freien Leben, nach Freude, nach Mut, Hoffnung und alldem, was lebendiges Wasser für uns sein kann.

Aber der Weg zu dieser inneren Quelle geht nur über die Wahrheit. Sie muss hineinschauen in den Zustand ihres Lebens. Wer von Ihnen das Heft hat, kann da ein schönes Bild sehen, was an diesem Brunnen geschieht, auch von Sieger Köder gemalt: Die Frau steht am Brunnen und schaut in die Tiefe und unten, wo das Wasser ist, spiegelt sich der Himmel und spiegelt sich die Frau, die nach unten schaut, und neben dieser Frau ist ein zweites Gesicht im Spiegel. Sie schaut in ihre Tiefe und erlebt, dass sie dort gar nicht allein ist. Dass dort, wo wir diese dunklen, beschämenden, bedrückenden Dinge hin verstecken, dass dort einer schon auf uns wartet. Dass dort diese göttliche Liebe in Jesus da ist, uns begegnen mag, ein tiefstes Verstehen uns schenken darf und dass das hilft, dass diese innere Quelle wieder lebendig werden kann.

Verschüttete Quellen beginnen wieder zu fließen, das wird doch in den meisten von uns diese Sehnsucht nach mehr Leben, nach erfüllterem Leben wecken. Wir haben einen schon entdeckt, der mit uns in diese Tiefe schaut, und der will, dass Stück für Stück diese Verschüttungen heil werden. Mut und Freude sollen größer werden. Amen.

Engelbert Birkle