Predigt 15.3.26 4. Fastensonntag LJ A

Sehen, was ist ....

Blind geboren! Da geht es um etwas, was bis in die Geburt, bis in das innerste Wesen eines Menschen hineinreicht, Eine Blindheit, die mit dem Leben mitgegeben ist. Wir ahnen, da geht es nicht um einen Blindgeborenen, sondern um eine Blindheit, die alle in sich tragen. Der Blick auf das wahre Leben ist nicht möglich.

Im Kindergarten, Fastenandacht, an der Wand eine schöne Sonne aus Papier angeklebt und unten steht ein Tesa-Roller. Ich war rechtzeitig da, die Kollegin aus dem Kindergarten auch. Wir sehen das und sind uns einig: Das haben die vergessen. Also haben wir ihn aufgeräumt. Während der Andacht wird deutlich: Der war nicht vergessen, der war vorbereitet für weitere Dinge, die man da an die Wand kleben wollte. Eine ganz kleine Szene, die aber deutlich macht, dass wir blind sind. Der Tesa-Roller war nicht so, wie ich und die Mitarbeiterin ihn in unserem Vorurteil eingeordnet haben. Wir schauen und sofort gibt es Urteile. Wir beurteilen die Dinge aus Prägungen, manche aus Verletzungen heraus. Wir sehen zwar etwas, aber sehen die Wirklichkeit nicht. In diesem Evangelium tauchen viele solche Blinde auf. Die Jünger, die mit Jesus gehen, sehen keinen Blinden, sondern ein theologisches Problem. Hat er gesündigt oder seine Eltern? In der Vorstellung in der damaligen Zeit war das Unheil immer Folge von Sünde, also muss hinter dieser Blindheit irgendeine Sünde stecken. Die Nachbarn, denen der Blinde nach seiner Heilung begegnet, sehen den, der er früher war. „Ist das nicht der, der da war und bettelte? Im Grunde sind sie blind für den Geheilten, der vor ihnen steht. Und die Pharisäer, die sind gefangen in ihrer göttlichen Ordnung. Am Sabbat kann nichts Gutes geschehen. Sie können auch nicht sehen, dass da Heilung geschehen ist. Es scheint uns angeboren zu sein, verbunden mit der Mitte unseres Herzens und unseres Glaubens, dass wir uns schwertun, einfach zu sehen, was ist.

Der Einzige, der diesen Blick hat, ist Jesus selber. Es wird betont, dass er unterwegs war, in Bewegung. Im Vorübergehen sieht er ganz schlicht: Da sitzt ein Blinder und bettelt. Und er muss ihn scheinbar nicht in eine Schublade einordnen, er muss ihn nicht bewerten, er kann ihn einfach mit seiner Not sehen. Einen Menschen in seiner Not sehen – wie schwer ist das auszuhalten! Wie schnell haben wir einen Vorschlag, wie Heilung geht, was zu tun wäre, warum er so ist? Einen Menschen sehen, wie er ist, ist eine große Herausforderung. Das ist etwa etwas, was uns schwerfällt. Jesus kann das. Und Jesus sieht in diesen Menschen auch die Möglichkeit Gottes. „An ihm soll das Werk Gottes offenbar werden.“

Ich glaube, das ist die Erleuchtung. Wir verbinden mit Erleuchtung, dass jemand mit einer strahlenden Aura auf einer Wolke dahinschwebt. Im biblischen Zusammenhang ist Erleuchtung etwas anderes. Wer erleuchtet ist, der oder die kann sehen, was ist, und sieht immer die Gottesmöglichkeiten in allem mit. Ich kann hinschauen und bleiben bei dem, was sich mir gerade im Leben zeigt, im Vertrauen auf Gott. In diese Erleuchtung sind wir eingeladen, hineinzuwachsen und hineinzureifen.

Das Heilmittel wird auch angedeutet: Es ist die eigenartige Szene, in der Jesus mit Spucke einen Teig aus Erde macht und dem Blinden auf die Augen reibt. Ich deute das so, dass die Heilung von unserem angeborenen Blindsein nicht geht, ohne dass wir mit dieser Blindheit wirklich in Berührung sind. Diesen Sumpf der Vorurteile, der Verletzungen, unsere verirrten Gefühle, in denen wir manchmal stecken, die muss man sich eingestehen, so wie der Blinde, in dem Moment, wo ihm der Teig auf die Augen gestrichen wird, nochmal sein Blindsein bis ins Innerste spüren muss. Er soll sich im Teich Schiloach waschen. In Jerusalem gab es einen Teich in der Stadt, der eben durch gesandtes Wasser gefüllt wurde, über eine Wasserleitung. An dieser Stelle geht es um einen anderen Gesandten, der von Gott gesendet ist: in Berührung zu kommen mit dem Heil, der Liebe und dem Erbarmen, die uns in Jesus in jedem Augenblick erwarten. „Geh und wasch dich in ihm.“ So reift Heilung und kann mehr und mehr im Leben der Blick frei werden für das, was wirklich ist, und das Vertrauen wachsen zu Gott, der in allem da ist.

Blind geboren sind in der Vorstellung der Bibel wir alle. Diese Blindheit spüren wir in vielen kleinen Szenen. Uns ist aber zugesprochen, dass es Heilung gibt, indem wir uns damit auseinandersetzen und immer neu zum Gesandten gehen, jetzt gemeinsam als Gemeinde. 

Engelbert Birkle