Predigt 22.3.26 5. Fastensonntag LJ A 5

 

„Herr, sieh: der, den du liebst, er ist krank.“

„Herr, sieh: der, den du liebst, er ist krank.“ „Herr, sieh: die, die du liebst, ist krank.“ Dieses Wort, das die Schwestern des Lazarus Jesus ausrichten lassen, nimmt vieles auf.

Es berührt unsere Krankheiten, die Sorge ums eigene Gesundsein. Vielleicht setzen Sie sich selbst mit Ihrer eigenen Sorge ein: „Herr, sieh: Der, die, den Du liebst, ist krank.“ Mir fallen Menschen ein, die ich an dieser Stelle einfügen möchte. Man kanns auch öffnen in Situationen der Welt und der Kirche hinein. Sie kennen die Karikatur, wie die Erdkugel gemalt wird, mit Fieberthermometer im Mund und kühlender Flasche auf dem Kopf: „Herr, sieh: Unsere Mutter Erde ist krank.“ Viele sind in diesen Zeiten aufgeregt, weil wir erleben, dass die Weltordnung, die zu mindestens für uns in Europa über Jahrzehnte Frieden und Sicherheit garantiert hat, krank ist, vielleicht schon auf dem Totenbett liegt.

Am letzten Montag wurden die statistischen Zahlen zur Situation der Kirche in Deutschland veröffentlicht. Wenn man das an sich ranlässt, muss man auch sagen: „Herr, sieh: Deine Kirche in diesem Land ist krank.“ Im letzten Jahr wurden in allen 27 Bistümern insgesamt 25 Priester geweiht. Zum Vergleich: Pfarrer Friedl und ich waren ja gemeinsam zur Priesterweihe dran, wir waren 15 für das Bistum Augsburg. Da wird deutlich, dass für die Kirche in Deutschland ein großer Wandel ansteht. Eine Form von Kirche, wie sie über Jahrzehnte vertraut war, auch kraftvoll war, kommt ins Wackeln, gerät in Bedrängnis.

Und es gibt noch vieles andere, was Sie vielleicht im Blick haben, was sich mit dem Satz verbindet: „Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank.“

Immer, wenn wir mit diesem Kranksein, mit dem Verfall von Dingen bedroht sind, dann stellt sich ja die Frage: Was soll denn das? Mit dieser Frage möchte ich mit Ihnen nochmal nach Bethanien gehen. Dort, wo der Freund Jesu krank ist. Wenn wir diese Szene mitverfolgen, dann spürt man, es läuft zu auf das Wort „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Ich glaube, das ist die Antwort, die das Johannes-Evangelium uns heute reicht. Alles kann krank werden, nichts bleibt, alles zerfällt irgendwann und in all dem gibt es einen Punkt, der bleibt, und der heißt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Ich vermute, dass die Erfahrungen von Krankheit, die Erfahrung von Unsicherheit, vom Vergehen irgendwelcher Dinge, so unterschiedlich sie sind, immer in sich diesen leisen Ruf bergen. Wir werden auf diesen Punkt ausgerichtet und sollen dort Zuflucht suchen, bei dem, der sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Nichts bleibt so, wie wir wollen, alles läuft auf diesen Punkt zu. Mich berührt es sehr, bei einer Begräbnisfeier ist es ja das letzte Wort, das über dem Leben eines Menschen ausgerufen wird. Bevor der Sarg abgesenkt wird, wird dieses Wort dem Toten nochmal zugesprochen: „Christus spricht: ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.‘“ Das ist der letzte Punkt, an dem dann doch alles Halt, Hoffnung und Licht finden mag.

Martha wächst in diesen Glauben langsam hinein, das wird miterzählt: Zunächst reagiert sie wie wir alle: „Herr, wärst du hier gewesen, wäre mein Bruder nicht gestorben. Herr, wärst du da, dann würde alles so bleiben, wie wir's gewohnt sind, wie wir es uns wünschen, wie wir meinen, dass es sein soll.“ Das ist unser erstes Gebet: Das kann doch nicht sein und das soll nicht sein. Martha wächst aus diesem „Ich will's so haben“ langsam heraus und formuliert dann: „Ich weiß, dass es eine Auferstehung gibt, am jüngsten Tag.“ Ich weiß, es gibt etwas. Sie geht dabei von dem „Ich will“ weg und lässt sich führen zu etwas Größerem als ihrem Wollen. Was da noch ist.

Und dann kommt ein weiterer, der dritte Schritt: „Ich bin die Auferstehung.“ Und Martha antwortet ja darauf: „Ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Diesen inneren Weg müssen auch wir beschreiten. Von diesem: „Es kann doch nicht sein“ zu: „Es wird schon irgendwas geben“ zu: „Du bist es!“ Dann sind wir an dem Punkt, der unser letzter Halt ist.

Wir sind eingeladen, auf den zu schauen, an dem uns festzumachen, der sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Die sonntägliche Eucharistie ist das Fest, das uns an diesen Punkt zusammenführt. In der Kommunion hat es ein wunderbares Zeichen, dass ich mich festmache, der sagt: „Ich bin für dich die Auferstehung, ich bin für dich, dein Leben.“ Amen.

Engelbert Birkle