Vom Glauben verwandelt
Unser Weg auf Ostern zu, vom Aschermittwoch begonnen, hat als inneren Faden das Motto „Unterwegs nach Emmaus“. Der Weg, den die Emmaus-Jünger gehen, begleitet uns in die Osterhoffnung hinein. Die beiden Jünger sind auf dem Weg, und auf diesem Weg, den sie gehen, geschieht eine Verwandlung. Es passiert etwas, was diese beiden verändert und von innen her in eine neue Ausrichtung bringt. Das will bei allen geschehen, bei uns, die wir den Weg des Glaubens gehen, die darauf vertrauen, dass immer schon der geheimnisvolle Auferstandene in unserem Leben da ist. Er begleitet uns und in seiner Nähe geschieht unsere Wandlung. Es gibt das schöne Wort, dass im Gottesdienst nicht nur Brot und Wein gewandelt werden, sondern dass es auch darum geht, dass wir selbst verwandelt werden.
Der Weg der beiden beginnt sehr depressiv: Sie gehen von Jerusalem weg: „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der sein Volk erlösen sollte.“ Erlebt haben sie eine Kreuzigung, den Tod dessen, auf den sie gehofft haben. Mit hängendem Kopf, mit gelähmtem Herzen verlassen sie den Ort ihrer Hoffnung. Am Ende nach den Erfragungen in Emmaus sind sie in Dynamik. Es ist beim Hinhören fast zu spüren, mit welcher inneren Kraft sie nach Jerusalem zurückkehren. Die Erfahrung, die sie gemacht haben, wollen sie mit den anderen teilen. Aus Frustbeulen sind echte Hoffnungsträger geworden! Menschen, die in die größere Hoffnung hineingewandelt wurden. Diese Wandlung braucht es auch heutzutage. Wir sind Teil einer Gesellschaft, die auch depressiv daherkommt. Es braucht viele, die wie Sauerteig die Hoffnung im alltäglichen Leben hochhalten. Es braucht Menschen, die erfüllt sind von einer Kraft, die in Gott liegt, die uns in eine hoffnungsvolle Dynamik bringt, die uns angesichts schwerer Dinge trotzdem weitergehen lässt und mit innerem Mut Tag für Tag aufbrechen lässt: verwandelte Menschen, die von der Hoffnung geprägt sind.
Das Zweite, was auffällt: Es werden aus Wissenden Menschen, die eine Erfahrung haben. Die beiden haben ihren Religionsunterricht besucht. Sie können alles erzählen und wissen alles. Sie haben die Osterbotschaft gehört: Die Frauen haben gesagt, das Grab sei leer. Was ihnen fehlt, ist dieses „Ihn selbst aber sahen sie nicht“. Das erst wandelt in einer letzten Tiefe, wenn wir Erfahrung „mit ihm selbst“ machen dürfen. Es sind die heiligen und großen Momente unseres Lebens, wo wir etwas von Gott selbst spüren, wenn aus Wissen und Gelerntem innere Gewissheit wird.
In den 60er Jahren hat Karl Rahner, einer der großen Theologen des letzten Jahrhunderts, ein Wort geprägt, das unser Leben im Glauben heute voraussieht. Er schreibt: Der Fromme von morgen, also von heute, wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein. Weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die öffentliche Überzeugung aller mitgetragen wird.“ Wir spüren, wie wahr dieses Wort ist. In einer Welt, in der die öffentlichen Stützen des Glaubens weggebrochen sind, ist es entscheidend, dass der Glaube von persönlichen Erfahrungen getragen wird. Es würde mich wundern, wenn nicht die allermeisten deswegen mitfeiern, weil sie etwas von diesem inneren Gewisssein spüren. Sie kennen Momente in ihrem Leben, in denen ihnen etwas von diesem „ihn selbst“ geschenkt war. Eine Erfahrung, die sie weiterführt.
An der Tür von Emmaus geschieht ein weiteres, was auch zum Glauben dazugehört: Die beiden sagen: „Herr, bleib bei uns.“ Man hat den Eindruck, sie sind jetzt angekommen, wo sie wohnen, und treten als Gastgeber auf. Sie laden den Fremden in ihr Leben ein. Wenn es korrekt weiterginge, dann müsste einer dieser beiden das Brot nehmen und als Vorsteher der Hausgemeinschaft das Brot austeilen. Aber der Gast nimmt das Brot und beginnt, es zu teilen. Die Rollen kippen, die Gastgeber werden zu Gästen. Dieses Kippen geschieht immer, wenn Menschen im Glauben auf dem Weg sind. Aus: Ich mache, ich bin hier der Chef, es kommt auf mich an, wird: Du beschenkst mich, von dir empfange ich alles, aus deiner Quelle lebe ich. Wir werden im Glauben verwandelt von Gastgebern zu Gästen, von Menschen, die meinen, dass sich alles um sie selbst dreht, zu Menschen, die mehr und mehr ihren Mittelpunkt in Gott haben. In der Hl. Messe beim Kommunionempfang stehen wir alle mit leeren Händen und erwarten, ihn als Gabe. Die Messe erinnert jedes Mal: Er ist der Gastgeber. Wir sind die Gäste. Wir empfangen alles – von ihm.
Das ist Verwandlung, die auf dem Weg des Glaubens geschieht, geschehen mag. Wir werden verwandelt von Menschen, die den Kopf hängen lassen, zu dynamischen Hoffnungsträgern. Aus Wissen wird inneres Gewisssein, und aus Gastgebern werden Gäste.
Jetzt, wenn wir das österliche Mahl feiern, dann sind wir alle Gäste am Tisch des auferstandenen Herrn. Amen.
Engelbert Birkle