Predigt 26.4.26 4. Sonntag Osterzeit LJ A

Leben in Fülle

Das liegt im Schaufenster unseres Glaubens. Es ist eine Verheißung und eine der zentralen Aussagen, was uns auf dem Weg des Glaubens entgegenkommt: Leben in Fülle. Was genau ist damit gemeint?

Eine Falle tut sich auf, wenn übersetzt wird: Die Fülle im Leben! Das ist in unseren westlichen Gesellschaften geschehen. Unsere Zeit ist geprägt von der Idee: Wenn die Menschen ganz viel haben, dann haben sie auch Leben in Fülle. Es gibt Untersuchungen, wie viele Dinge jeder Mensch durchschnittlich in Europa besitzt. Die Profis sagen ungefähr 10.000 Dinge. Ich habe letztes Jahr alles einzeln verpackt. Ich weiß, dass das ziemlich genau stimmt. Vor hundert Jahren waren es ungefähr 500 Dinge pro Menschen. Da hat sich was verschoben in dem zurückliegenden Jahrhundert. Das Leben ist angereichert mit einer Fülle von Dingen und ja nicht nur Dingen, sondern einer Fülle von Möglichkeiten, einer Mobilität, die keine Menschheitsgeneration vor uns erträumen konnte. Wenn das der Schlüssel wäre, dass die Fülle von Dingen und Möglichkeiten das Leben in Fülle ist, dann müsste der Zufriedenheitsgrad ganz hoch sein.
Die Wirklichkeit ist eine andere. Viele sind unzufrieden, mürrisch, missmutig, ängstlich. Wir sind die Generation, die das ganz langsam versteht. Die vielen Dinge, die Fülle, die uns umgibt, führen nicht zum erfüllten Leben.

Das meint doch „Leben in Fülle“, wenn jemand von sich sagt: „Ich spüre, dass ich mein Leben erfüllt habe.“ Da sind gute Beziehungen, da hat jemand seine Aufgabe oder Aufgaben gefunden, die nach Sinn schmecken. Das, was ich tue, für das, wofür ich mich einsetze, das hat Sinn, das wirkt etwas Gutes, das ist ein guter Beitrag für den Weg des Lebens Ich spüre, mein Leben hat sich wohl erfüllt.

Wenn man genau hinhört, steht aber im Evangelium nicht: „Ich schenke euch ein erfülltes Leben.“ Man muss mithören, dass Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie Leben in Fülle haben. “ Das ist nochmal eine Stufe mehr, die aufscheint. Das eigentliche Leben in Fülle geschieht, wenn er kommt, wenn Jesus, wenn die göttliche Liebe bei uns ankommt! Erfülltes Leben hat man, wenn das Gefühl da ist: Ich hab's gut gemacht. Doch bei dem „Leben in Fülle“ schwingt mit, dass auch die anderen Dinge noch Platz haben. Dort, wo wir versagt haben, wo wir auf das Erbarmen angewiesen sind. Zum Leben in Fülle gehört, dass ich erfahre, dass mein Leben angenommen ist, dass ich wirklich mit allem, was mich ausmacht, in diesem Größeren „Angenommensein“ ruhe. Unser Papst, Augustinermönch, würde jetzt seinen Ordensvater zitieren: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ Das ist der letzte und tiefste Punkt dessen, wo Menschen spüren, dass sie das Leben in Fülle gefunden haben. Sie ruhen mit allem, was sie sind, in Gott.

Wir sind auf dem Weg, haben sicher die Erfahrung, dass dieses Leben in Fülle uns immer neu entgegenkommt. Die Verheißung ist, dass wir es irgendwann in letzter Fülle auch erfahren. Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und damit sie es in Fülle haben.

 

Engelbert Birkle