Die Zuwendung zu den Armen segnet uns
Die Apostelgeschichte erzählt, wie die junge Gemeinde darum ringt, ihren Weg zu finden, und so auf dem Weg zu bleiben, der von Jesus her seinen Anfang hat. Da gibt es Konflikte, die von Anfang an zum Weg der Christenheit und der Kirche gehören. Welche Bedeutung hat die soziale Frage?
Es entsteht Streit, weil es offensichtlich nicht mehr gelingt, der Herausforderung gerecht zu werden. Die Waisen und Witwen sind das Stichwort. Sie stehen symbolisch für alle Armen, für alle, die auf der Strecke bleiben. Scheinbar hat die Gemeinde von Anfang an den Impuls, dafür zu sorgen, solche Menschen im Blick zu haben. Wenn das nicht mehr gelingt, kommt es zu einem innergemeindlichen Konflikt. Es scheint klar zu sein: Wir müssen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben. Deshalb wäre es naheliegend zu sagen: „Und um die Armen sollen sich andere kümmern.“ Doch genau das geschieht nicht. Die junge Gemeinde entwickelt einen Weg, wie die Sorge für die Ärmsten weiterhin Platz hat, wie es Menschen gibt, die sich darum kümmern, Diakone entstehen, damals Männer. Was wäre die Kirche heute ohne den diakonalen Dienst vieler Frauen? Es bleibt bei der Sorge um Arme.
In meinem inzwischen auch schon langen Wirken als Pfarrer und auf dem Weg der Kirche unserer Zeit wird mir immer klarer, dass das eine entscheidende Frage ist, dass mit dieser Bereitschaft, die Menschen in Not in den Blick zu nehmen und sich ihnen zuzuwenden, die Kirche steht und fällt. Ich habe irgendwann verstanden, dass die Sorge für die Armen nicht nur den Armen hilft, sondern uns selbst segnet und zur Quelle der Kraft und des Weges für uns selbst wird. Das habe ich in den Weilheimer Jahren besonders spüren dürfen, weil es dort in der städtischen Situation eine lange Tradition gab, dass sich die Kirchengemeinde sozial in der Stadt engagiert hat. Manchmal auch mit großem Glück. In Weilheim gibt es das Haus Emmaus, wirklich ein kleines Juwel, das der Gemeinde zugefallen ist, weil ein Bauunternehmerpaar Böhm das ganze Vermögen am Ende ihres Lebens für soziale Dinge eingebracht hat. So wurde der Pfarrei ein Wohnblock ermöglicht, in dem Apartments sind, vor allem für Frauen, die mit ihren Kindern auf der Straße landen, wegen Gewalt und anderen Dingen, die geschehen waren. Solche Frauen sollten einen Ort finden, wo sie sich wiederfinden und sich ein neues Leben aufbauen können. Und in diesem Haus sind auch Zimmer ganz konkret für Obdachlose, für Menschen, die sonst auf der Straße leben würden. Das ist ein großartiges soziales Engagement. Die Rückwirkung war, dass dieses Haus und manch anderes dafür sorgt, dass die Pfarrei Teil der Stadtgesellschaft ist, dass im Lauf der Jahre der Pfarrer und die Mitarbeiter mit ganz vielen Leuten in Verbindung sind, die das Leben der Stadt tragen. Das ist eine eigenartige Rückwirkung, die das soziale Engagement hat.
Mich würde es wundern, wenn Sie hier nicht sagen: „Das ist uns auch passiert.“ Wir haben uns auch im Lauf der Jahre und Jahrzehnte als Pfarrei engagiert und haben erlebt, wie das eigentlich zurückwirkt, und ein Teil, das ist, was wir als Gemeinde einen guten Weg nennen. Das heißt, die Frage ist mit Ernst zu stellen: Welche Not ruft heute und jetzt nach uns? Was ist die größte Not von Kaufering? Ich habe die Frage immer so im Hinterkopf und jetzt nach ein paar Monaten sehe ich noch keine klare Antwort. Nöte sind heute sehr versteckt. Die größtmöglichen wahrscheinlich sehr verborgen. Da müssen wir miteinander wach sein. Was ist die größte Not? Wozu sind wir als Gemeinde da? Wozu brauchst du uns, für wen hat Gott uns hierhergestellt? Das ist die Frage, die mitgehen muss. Wer etwas spürt, ist eingeladen, es auszusprechen, einzubringen, im Pfarrgemeinderat und in anderen Foren.
Die soziale Not darf nicht wegrutschen, darf nicht ausgelagert werden. Wir sind eingeladen, das auch als unseren Ruf zu hören, als den Weg, der uns hier und heute ansteht. Amen.
Engelbert Birkle