Wettersegen in einer modernen Welt
Mit dem Fest Christi Himmelfahrt verbindet sich ein breiter Strom von Brauchtum, der daran erinnert, wie sehr unsere Kirche aus landwirtschaftlichen Welten geprägt ist. Bittprozession, Flurumgang, Wettersegen sind mit diesem Fest verbunden.
Das erinnert an die Gesellschaft, aus der wir kommen. Das Leben und das Gelingen des Lebens waren damit verbunden, dass auf den Feldern die Sachen gut gingen. Inzwischen sind wir dem entwachsen, auch entfremdet. Die letzte Hungersnot in Deutschland, die nicht mit Krieg verbunden war, war Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war allen Menschen bewusst: Wenn es uns die Ernte verhagelt und das Getreide vertrocknet, dann droht Hunger, und für die Schwächsten war das oft auch ganz schlicht der Tod. Alles, was hilft, dem entgegenzuwirken, haben die Menschen sich zu eigen gemacht: den Segen. Wenn der Wettersegen gespendet wird, ist in der Regel eine Kreuzreliquie eingearbeitet. Für das gute Wetter wurde und wird das Stärkste eingesetzt, was wir haben: die Kraft des Kreuzes.
Das Drängende um Bittprozession und Wettersegen hat sich aufgelöst.
„Soll ich den Wettersegen spenden?“, frage ich mich als Pfarrer, noch dazu in einer Gemeinde, die kaum bis gar keine landwirtschaftlichen Wurzeln hat: Macht es eigentlich noch Sinn, braucht es diesen Brauch noch? Auch in dörflichen Situationen löst sich das auf. Die Zahl der Landwirte reduziert sich. Wenn man genau hinschaut, wissen die auch nicht mehr, ob sie eigentlich wirklich ein gutes Wetter wollen. Dass die Butter gerade so billig ist, hat ganz schlicht damit zu tun, dass letztes Jahr das Wetter so gut war. Das führt zu Überproduktion und hat die Preise verhagelt. Also, selbst da merkt man, wie diese Dinge in ein anderes Fahrwasser geraten, und ich find es wichtig, da hinzuschauen, weil Kirche sich aus dieser Prägung lösen muss und in die Nöte von heute einsteigen muss.
Da kann man Neues erfinden oder das Alte mit dem Neuen auffüllen. Das sind immer die beiden Wege. Ich habe den Wettersegen nicht sein lassen, weil ich glaub, dass der Wettersegen aufnimmt, was uns heute auch jenseits von Landwirtschaft und drohender Hungersnot beschäftigt.
Mit dem Bild des Wetters verbinden wir auch unser Miteinander. Beziehungen, die sich im Nebel verlieren, Situationen, die es einem verhageln, ein Donnerwetter, das mich erwartet, wenn ich jemandem begegne. Ganz oft greifen wir auf das Bild des Wetters zurück, um Lebenssituationen zu beschreiben. Und insofern kann ich mich mit dem Wettersegen einfach um die Sorge um das kleine und alltägliche Miteinander verbinden. Und wir nehmen all das, was uns da erwartet, was uns da besorgt, an dieser Stelle mit ins Gebet.
Und die Kunst ist, den Wettersegen auch größer zu lesen. Es geht auch um das Klima. Das spüren wir sehr, dass Katastrophen, Veränderungen sich abzeichnen, die nicht mehr unser kleines Leben meinen, sondern wirklich den Planeten und den Weg der Völker. Viele Konflikte, die uns besorgen, die uns bedrängen, haben ja hier ihre Wurzel, dass durch den Klimawandel ganze Völker in Bewegung geraten, Menschen ihre Heimat verlassen, weil es dort für sie keine Zukunft mehr gibt. Dass neue Reviere entstehen und sich Kämpfe um diese Reviere abzeichnen, ich sag mal Grönland, alles das, was damit zusammenhängt, auch an weltpolitischem Gerangel, kann sich auch im Wettersegen irgendwie verankern und zum Gebet und für gemeinsame Bitte werden.
Es geht um den Schritt von der bäuerlichen Prägung in die moderne Welt. Am Wettersegen und an dem Flur-Brauchtum kann man gut erspüren kann, welche Schritte für eine moderne Kirche gefordert sind.
Die Nöte sind heute anders, das Bedürfnis nach Segen bleibt.
"Heilig-Geist-Wettersegen" von Pfarrer Josef Treutlein
V Gott, Herr aller Mächte und Gewalten, wir rufen deinen Segen herab auf alles, was lebt, und bitten dich um deinen Schutz in jeder Wetterlage, die uns äußerlich und innerlich bedroht:
V Wenn die Stimmung launischem Wetter gleicht
A beruhige uns, Geist des Friedens.
V Wenn in der Familie Gewitterwolken aufziehen,
A Löse die Spannung, Geist der Einsicht.
V Wenn böse Worte wie Blitze zucken,
A schütze uns, Geist der Stärke.
V Wenn es Vorwürfe hagelt,
A verteidige uns, Geist des Trostes.
V Wenn sich Raureif der Enttäuschung auf zarte Knospen des Vertrauens legt,
A wärme uns, Geist der Hoffnung.
V Wenn eisiges Schweigen herrscht,
A brich uns auf, Geist des Rates.
V Wenn Beziehungen einfrieren,
A bewege uns, freundlicher Geist.
V Wenn der „Schnee von gestern“ uns blockieren will,
A weise uns neue Wege, Geist der Zukunft.
V Wenn die inneren Quellen vertrocknen,
A ströme in uns, Geist der Freude.
V Wenn der Glaube verdunstet,
A erinnere uns an das Evangelium, Geist Jesu.
V Wenn die Liebe verdorrt,
A bringe sie zum Aufblühen, Geist des Lebens.
V Wenn wir im Nebel tappen,
A schenke uns Klarheit, Geist der Wahrheit.
V Wenn uns die Flut der Daten und Informationen überschwemmen will,
A gib uns Halt, Geist der Erkenntnis.
V Wenn die Hitze der Debatten unerträglich wird
A hauche uns Kühlung zu, erfrischender Geist.
V Wenn Giftstoffe die Seele angreifen,
A heile uns, Heiliger Geist.
V Wenn die „Ökologie des Herzens“ aus dem Gleichgewicht gerät,
A stabilisiere uns, Geist des Schöpfers.
V Wenn heftiger Gegenwind das Vorwärtskommen erschwert,
A stärke uns den Rücken, göttlicher Geist.
V Wenn uns der Sauerstoff guter Gedanken ausgeht,
A atme in uns, Heiliger Geist.
V Wenn der CO2-Ausstoß übler Stimmungsmache die Luft verpestet,
A reinige die Atmosphäre, Geist der Unterscheidung.
V Wenn Stürme Gesellschaft und Kirche durcheinander wirbeln,
A gebiete ihnen, Geist Gottes, Herr aller Mächte und Gewalten. Amen
Engelbert Birkle