Der Geist, der unsere Gesellschaft prägt und trägt...
Als 1989 der Eiserne Vorhang gefallen ist und sich die scharfe Grenze in Europa aufgelöst hat, haben die deutschen Bischöfe relativ schnell entschieden, dass es ein Hilfswerk braucht, das den Neubeginn, den Wiederaufbau der kirchlichen Gemeinden und Strukturen im ehemaligen Ostblock unterstützt. Das Werk Renovabis wurde gegründet und eingeführt. Ich vermute, dass es sehr pragmatische Gründe waren, warum Renovabis und die entsprechende Kollekte auf das Pfingstfest gelegt wurden Weihnachten war vergeben an Adveniat, Ostern und die Fastenzeit hatten mit Misereor die Einladung, solidarisch zu sein, Pfingsten war noch frei. Inzwischen glaube ich aber, das ist ein Volltreffer, denn es geht wirklich um den Geist. Da sind wir am Pfingstfest am richtigen Ort.
Mir ist das sehr bewusst geworden bei einem Vortrag, den Thomas Schwartz gehalten hat, einem Mitbruder aus dem Bistum, der derzeit auch verantwortlich ist für das Werk Renovabis. Wir haben ihn eingeladen, er soll erzählen, wie er nach seinen Besuchen in der Ukraine die Situation dort einschätzt und was sein Blickwinkel auf das Ganze ist. Ihm war sehr wichtig, dass es in diesem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine um den Geist geht, um mehr als um Land und um Bodenschätze, dass dort zwei Geister miteinander ringen. Etwas verkürzt, wie eine Karikatur, sieht es so aus: In Russland ist der „Homo sovieticus“, der sowjetische Mensch, sehr präsent. Nach Jahrzehnten des Kommunismus ist dort die Gesellschaft davon geprägt, von der Botschaft „Auf dich kommt's nicht an“. Entscheidend ist das Kollektiv, der Staat, der sorgt für dich. Es gilt, auf die Obrigkeit zu hören. Eigeninitiative ist gefährlich, wird kritisch gesehen. Viele Menschen, die initiativ sind, landen in Russland ja auch im Gefängnis.
Die Ukraine, sagt Thomas Schwartz, hat sich sehr bald nach der Wende für einen anderen Weg entschieden. Dort wurde eine Zivilgesellschaft aufgebaut, die geprägt ist von Initiativen. Vereine wurden gegründet, Menschen haben sich in Genossenschaften zusammengetan, Initiativen, die verschiedene Themen voranbringen, Gemeinden sind aufgebrochen, die Gesellschaft hat sich anders entwickelt. Diese beiden Gesellschaftsmodelle und die beiden Geister, die dahinterstehen, ringen miteinander In diesem zivilgesellschaftlichen Klima geht es darum: Auf dich kommt es an, was bringst du ein, was ist dir wichtig, wo findest du Menschen, die mit dir dein Anliegen vertreten, in einem Verein, einer Partei, in einer Bewegung?
Da ist mir bewusst geworden, dass wir heut wahrlich nicht nur ein kirchliches Fest feiern. Wir feiern etwas, was zutiefst in unsere Gesellschaft hineinwirkt und hineingehört. Wir feiern heute eigentlich den christlichen Geist, der auch das gesellschaftliche Leben unseres Landes trägt, prägt und mit seiner Kraft voranbringt. Vielen ist es wohl gar nicht bewusst, aber wir sind die, die dafür danken können, die sich ganz bewusst mit dem Geist Jesu Christi verbinden: die Idee, dass jeder Mensch wichtig ist, dass jeder Verantwortung hat, dass jeder mit seiner Kraft auch für sich und fürs Ganze sorgen soll.
Am Freitag sind 16 Jugendliche gefirmt worden. Die Firmung macht das wunderbar deutlich, den anderen Geist, an den wir glauben und der zum Weg unseres Landes auch gehört.
Die Jugendlichen sind aufgefordert, ein „Ich glaube“ zu sagen. Da ist nicht die Chance, sich hinter einem „Wir“ zu verstecken. Jeder Einzelne ist aufgestanden und hat sich positioniert, wo er mit seinem Glauben steht, war eingeladen, das zu tun, als einzelnes Mädchen, als einzelner Junge. Die Firmspendung geschieht, dass der Firmspender diesen Jugendlichen die Hand auflegt, wie zu einem Auftrag: Du bist gemeint, du sollst in dieses Leben hineinschreiten, du hast Begabungen, in dir ist es, auf die es ankommt. Die Firmung lebt von der Idee, dass in jedem Menschen eine Berufung schlummert, die sich entfalten mag, auf die ein Platz im Leben immer schon wartet, wo es darauf ankommt, dass ich aus dem, was mir geschenkt ist, aus den Gaben, die in mir schlummern, mich einbringe, meinen Teil für das Ganze leiste.
Pfingsten ist das Fest, dieses: „Auf dich kommt's an“. Durch dich wirkt dieser göttliche Geist, durch dich will er die Welt gestalten. Ein Geist, der nicht selbstverständlich ist. Eine Gesellschaft, die aus diesem Geist herauswächst, ist auch nicht selbstverständlich. Es braucht Menschen, die sich diesem Geist zur Verfügung stellen.
Engelbert Birkle